Die Basaltstelen und ihre Geschichte


Die Basaltstelen

Fotos: Thomas Schwab

Text: Martin Fink und Brigitte Faatz


Der Alte Friedhof - Die Eingangsstele 

Christlicher Friedhof der reformierten, bis 1824 auch der lutherischen Kirchengemeinden, bei einem Anteil der Katholiken unter fünf Prozent. Namentlich 4365 Tote fanden dort ihre letzte Ruhe.

1802 Eröffnung als „Neuer Totenhof" in unmittelbarer Nähe der früheren Begräbnisstätte an der Wilhelmskirche.

1819/1865 Erweiterungen des nördlich gelegenen alten Friedhofteils mit Ausdehnung nach Süden.

1872 Errichtung des noch erhaltenen Kriegerdenkmals 1870/71 mit gleichzeitiger Anlage neuer Wege und Pflanzungen. Größte Ausdehnung des Geländes. 

1902 Schließung des Friedhofs, da städtebaulich keine Erweiterung möglich war. Bis      1926 noch vereinzelte Erd- und Urnenbestattungen.

 

Die Belegung erfolgte zunächst in Einzelgräbern und einem Reihengräberfeld, das in zweiter Belegung erhalten geblieben war. Die Kinderreihengräber des alten Friedhofsteils mit kürzerer Ruhezeit wurden über Jahrzehnte mehrfach belegt. Ab1865 Möglichkeit des Erwerbs von Familiengrabstätten mit Erbbegräbnissen - angelegt vorwiegend an der Ost- und Südmauer. Die zur Familie gehörenden Kinder wurden dann dort beigesetzt.


Johann Josef Brandt

(1832-1862)

Schweinehirt und Nachtwächter, stammend aus einer traditionellen Nauheimer Hirtenfamilie. Dr. Bode nennt ihn: "Ein Beispiel berechtigter Nauheimer Eigentümlichkeit, der eigenen Person eine besondere Wertschätzung beizulegen, während man dies bei den Höhergestellten keineswegs für nötig hält. Einst wurde in meinem Haus bestellt: Der Doktor soll zum Herrn Brandt kommen- der Herr Brandt war wohlbestallter Schweinehirt der Gemeinde." 

 

Die Gemeinde unterhielt je einen Kuh-, Schweine- und Gänsehirten, die das Vieh zu festgesetzten Zeiten austrieben und in die jeweiligen Ställe zurückbrachten. Nachtwächter mussten zwischen 23 Uhr und 4 Uhr morgens innerhalb der Dorfmauern patrouillieren und stündlich die Zeit ausrufen. Sie sollten Feuerwache halten, Einbruchsversuche vereiteln und Ruhestörer mit Arrest belegen.  


Elisabeth Eußer (1846 -1897) und ihre etwa ein viertel Jahr danach ebenfalls an Tuberkulose verstorbene gleichnamige Tochter Elisabeth Eußer (1869 -1897).

 

Sie gehörten zu einer wohlhabenden Alt-Nauheimer Ackermann- und Gastwirtfamilie, die mit dem Kirchenvorsteher Peter Eußer II. im Jahre 1912 im Mannesstamm ausstarb.

 

 


Georg Christian Rexteroth

1804-1885

pensionierter Obersöder

 

Das Verzeichnis der ständigen Mitarbeiter der Knappschaft 1837 enthält 128 Namen. Dazu kamen bei außergewöhnlichen Arbeiten zahlreiche unständige Taglöhner. Die Leitung der Saline bestand aus 4 Beamten, denen auf der Meisterebene 8 Unterbeamte folgten: Gradier-meister, Soden-, Kunst-, Geschirr-, Holz-, Graben-, und Schmiedemeister sowie der Gegenschreiber (Betriebskontrolleur). Die überwiegende Zahl waren Arbeiter: Gradierer, Söder, Kunst- und Brunnenwärter (Maschinisten), Fuhrknechte, Mötter (Salzwieger), Schmiedegesellen.

 

Nauheimer, die keinen großen Grundbesitz ererbt hatten, fanden also auf der staatlichen Saline Arbeit, wobei noch genug Zeit verblieb, die wenigen eigenen Äcker zu bewirtschaften.


Alexander Rieß (1812 -1868)

Bürgermeister von 1856 bis 1868

  

In seiner Amtszeit erlebte die Badestadt nach Etablierung der Spielbank

einen ungewöhnlichen Aufschwung - mit Höhen und Tiefen. Nach ihm ist die Rießstraße benannt.  

1862 Kurhaus in der Terrassenstraße erbaut

1864 erste Straßenbeleuchtung mit Gas

1866 Nauheim wird dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt eingegliedert

 

 


Hartmann Schutt (1819-1884)

Bürgermeister von 1868 - 1883

1869 Ernennung der Stadt Nauheim zum "Bad"

1871 Verleihung der ersten Ehrenbürgerschaft

1872 Schließung der Spielbank

 

 


Heinrich Klinkerfuß (1814- 1871)

Polizeiobersergeant, genannt „Scherschante - Heinrich"

 

Ein echtes Nauheimer Original, dessen ausführliche Polizeiberichte viele Aktenseiten füllen. Seine Erlebhisse bieten eine Vielzahl von Anekdoten, meisterhaft erzählt in einem nach ihm benannten Büchlein.

 

Die Ringmauer um das Dorf diente dazu, Diebstähle durch die Nauheimer auf der Saline zu verhindern. Als der diensteifrige Sergeant einmal auf Horchposten im Wächtersgang stand, hörte er jenseits der Mauer den leisen Ruf: „Komm hierher!" Klinkerfuß ging dem Rufe nach, machte sich bemerkbar und bekam ein langes schweres Scheit Holz zugereicht. Derart schwer beladen konnte er weder den davoneilenden Spießgesellen auf seiner Seite der Mauer, noch den eigentlichen Dieb verfolgen.

Beide entkamen unerkannt. Dafür schleppte Klinkerfuß das schwere Beweisstück mit zur Polizeiwache.


Christian Friedrich Gleim

1806-1879

Großherzoglicher Polizeirat

 

 

Die Ehrenbürgerschaft erhielt er in Würdigung seiner nicht ganz leichten Tätigkeit zur Spielbankzeit. Wenn der Nutzen der Spielbank mit Gründung 1854 für das im gleichen Jahr zur Stadt ernannte Nauheim ungleich größer ist, lassen sich schädigende Einwirkungen des hier zusammengekommenen Hasardpublikums, vor allem der luxuriösen und verschwendungssüchtigen Halbwelt von Paris, Straßburg, Wien, Brüssel oder London sowie der auftauchenden zweifelhaften Existenzen, auf einen Teil der Nauheimer Bevölkerung nicht leugnen.


Bernhard Langsdorf II (1813-1890) 

 

Baumeister der "Hiesbach", einer 1864 im Auftrag des Gemeinderates entworfenen und in den 50er Jahren ausgeführten architektonisch schlichten, aber dem Bedürfnis "geringer" Leute mit Nebenerwerb entsprechenden, ersten Wohnsiedlung im ehemaligen Burggarten. Das typische "Hiesbach"-Haus: 2 Zimmer, 2 Kammern und Küche. Mitunter kleine Scheune, kleiner Hof und evtl. kleines Gärtchen.   


Marie-Luise Langsdorf geb. Schwab

 (1864 – 1886)  

Der jung verstorbenen Mutter war inmitten der Einförmigkeit der Reihengräber ein ergreifendes Denkmal errichtet worden (siehe Titel-Abbildung). Es zeigt eine in Lebensgröße jugendliche Frauengestalt, die sich trauernd an eine abgebrochene Säule lehnt.  

 

Das Grabmal geriet schon zu Beginn der rigorosen Abräumungen zwischen 1930 und 1954 unter die Spitzhacke. Jede Erinnerung an den einstigen Friedhof sollte vergessen gemacht werden, übrigens unabhängig der Wandlungen politischer Einstellung und der Haltung jeweiliger Kirchenvorstände.


Das Kindergrabfeld

 

 

Der Tod eines Kindes war im 19. Jahrhundert alltägliche Wirklichkeit für Eltern, Großeltern, Geschwister, Nachbarn und Gemeindemitglieder. Er wird erlebt, erlitten, beklagt, mit Gleichmut oder als gottgegeben hingenommen. Von den 4.300 auf dem alten Friedhof Bestatteten sind 2.000 Kinder, die nicht älter als 10 Jahre wurden. Häufig wird als Todesursache „Auszehrung" angegeben, in Unkenntnis der eigentlichen Erkrankung. Ursachen der hohen Sterblichkeit allgemein sind mangelhafte hygienische Wohnverhältnisse, Verunreinigung des Trinkwassers, unzureichende medizinische Kenntnisse, fehlende Impfmöglichkeiten und der nicht vorhandene Schutz durch Antibiotika bei infektiösen Krankheiten. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt unter 35 Jahren. Während nur etwa die Hälfte das 20. Lebensjahr erreichte, wurde jeder 5. zum Teil deutlich älter als 60 Jahre.


Friedrich Reich (1829 -1868), Lehrerfamilie

 

Die Angaben über die Todesursachen in den Bestattungsprotokollen machen deutlich, wie diese 6-köpfige Familie und viele andere auf dem alten Friedhof Bestatteten von tuberkulösen Leiden verschiedener Art (Lungen-, Kehlkopf- Unterleibs- und Knochentuberkulose) dahingerafft wurden.

 


12. Karl Friedrich Edgar Allgeyer (1872-1885), genannt „Carlino“

 

Hier Verstorben, während die Eltern als Kurgäste im Hotel Bellevue in der Parkstraße logierten.


Walter Schönekerl (1888 -1898) und die Mutter

Bertha Wilhelmine Elisabeth Schönekerl

(1858- 1899)

 

Die aus Magdeburg gebürtige Mutter und Ehefrau des Maschinisten am Wasserwerk Friedrich Wilhelm August Schönekerl hat sich 31-jährig aus Gram über den Tod ihres an Gehirnentzündung verstorbenen Sohnes an dessen Grab mit einem Revolver erschossen.

 

 


Margarethe Rehm (1859-1894)

 

Der Tod der im Wochenbett verstorbenen Kronen-Wirtin um die Jahrhundertwende blieb Alt-Nauheimern noch lange im Gedächtnis.


Johannes Lentz (1817 -1896), Schuhmacher

Barbara Lentz geb. Schwab (1822 -1894)

 

Von Nieder-Wöllstadt kommend ehelichte er die Tochter des Badewärters Christoph Schwab. Beide starben hochbetagt.

Die Söhne Bernhard und Christoph waren als Kaufleute mit ihren Familien im aufstrebenden Soolbad erfolgreich. Sie führten die Villen Lentz I und II in der Ludwigstraße als Kurpensionen. 


Johannes Kranz (1803 -1868)

Erster Apotheker

 

Es waren täglich mindestens 12 Rezepte nötig, um das Bestehen einer Apotheke zu ermöglichen. Auf Antrag von Dr. Bode konnte Johannes Kranz als erster die Konzession erwerben. Er eröffnete im Herbst 1838 in dem Haus Burgstraße 20 und erbaute 1843 das zweistöckige Gebäude „Vor dem Untertor 178". In der heutigen Hauptstraße 4 wurde die Apotheke nach seinem Tod 1868 von seiner Witwe und Dr. Wilhelm Uloth - später von seinem Sohn Hermann Kranz weiter betrieben. Fortan führte sie den Namen Sprudelapotheke.

 

 

 


Johann Christoph Schwab (1789-1872)

Erster Badewärter

Von Beruf ursprünglich Wagner und Gradierer. 1835 zum Badewärter des neu gegründeten Solbades ernannt. Der erste Mann, der im neuen Badehaus die 9 Badewannen mit heilkräftigem Wasser füllte, war auch Gehilfe und Vertrauter des Badearztes Dr. Friedrich Bode. Von diesem wurde ihm zur Beförderung zum Bademeister nur Gutes bescheinigt, was ihn aber verpflichtete, 1853 mit seiner Frau Sara Dorothea eine Dienstwohnung im neuen Badehaus zu nehmen, obwohl er zwei eigene Häuser besaß. Auch wird berichtet, dass er die Kasse zu verwalten hatte, was er sehr gewissenhaft tat und dieselbe nachts unter seinem Kopfkissen aufzubewahren pflegte.

Auch in der Folge wurden zahlreiche Mitglieder der Familie auf dem Alten Friedhof bestattet, darunter der Sohn Bernhard Schwab (1834 - 1905), Maurermeister und Hotelier, Erbauer und Besitzer fast aller Häuser der unteren Parkstraße, genannt "Sieben-Häuser-Schwab".


18. Familiengrab* Dr. Johann Friedrich Bode  (1811 - 1899)

Erster Salinen- und Badearzt

 

Als Salinen- und Badearzt nutzte er die natürlich wärmen Solquellen therapeutisch bei verschiedenen Formen des Rheumas, bei Gicht, Skrufulose, Frauenleiden, Nervenleiden und Hautkrankheiten. Als „Vater des Bades"' war er lokalpolitisch von außerordentlicher Aktivität. Verleihung der Ehrenbürgerschaft anlässlich des 50-jährigen Doktorjubiläums 1884.

„Es mutet mich ganz eigen an, wenn ich sehe wie in demselben Bezirk, wo ich so viele Jahre als alleiniger Arzt wirkte, demnächst ein ganzes Dutzend Collegen der leidenden Menschheit seine Dienste anbieten wird."

(Dr. F. Bode, 1890). Nach ihm benannt wurde die Bodestraße.

 

 

* Im Bodeschen Familiengrab liegen weiterhin sein Sohn, Geheimer Medizinalrath Dr. Wilhelm Bode (1841-1895), jeweils mit den Frauen Emilie geb. Zimmermann (1814-1887), und Anna geb. Erhard (1847-1893) sowie die zwei schon früh verstorbenen Töchter Marie (1845-1854) und Anna (1843-1872). Ende der 20er Jahre kam noch der Name Marie Rötger geb. Bode hinzu, die Urnenbestattung einer Tochter von Dr. Wilhelm Bode. 


Otto Weiß (1823 - 1901),

Geheimer Bergrat und Erster Badedirektor

 

Sohn des Salineninspektors Carl Weiß, der als Begründer der hiesigen Solbadeanstalt gilt. Nach Studium der Bergwissenschaften ab 1860 an der Nauheimer Saline tätig. 1866 zusätzlich mit den Geschäften des Badedirektors betraut. 1900 „gegen seinen Willen" pensioniert. In seiner Zeit zählte Bad Nauheim über 22 000 Kurgäste und damit sechsmal so viele wie zwanzig16 Jahre davor. Im Trinkspruch auf Weiß zum 50. Dienstjubiläum und der Verleihung der Ehrenbürgerwürde (1898) heißt es: „Wie der Nauheimer Sprudel seit fünfzig Jahr, so lebte und wirkte der Jubilar." Die Otto Weiß-Straße im alten Salinengebiet erinnert an ihn. Sein Grabmal mit der ursprünglichen Beschriftung und dem Namen seiner Tochter befand sich auf der Grabstätte der Familie Weidig auf dem neuen Friedhof, wo es aus Unachtsamkeit ebenfalls verschwand. Umgebettet wurde er nicht.